FREIBALLON-FAHRTBERICHT
Verein: Freiballonverein
Augsburg e.V. Ballon: D-OCOL Fahrt-Nr:. 90
Inhalt 1050 cbm Füllung
Wasserstoff Datum: 22. März 1998
Startplatz: Gersthofen
Via Claudia
Ballonmeister: Florian
Schlicker Nr. Starter: Florian Schlicker Nr.
Pilot: Thomas Fink Fahrt-Nr.:
173
Mitfahrer: 1. Gerold Kräck Nr.
2 2. Gottfried Hentschel Nr. 1
Zweck der Fahrt: Leistungsfahrt
(Alpenüberquerung) / Einweisungsfahrt für Gerold Kräck
Startzeit 06:04 (UTC) Landezeit
10:54 (UTC) Fahrtzeit 4 Stunden 50 Minuten
Luftlinie 372 km Durchschnittsgeschwindigkeit
77 km/h
Fahrtlinie ca. 380 km Höchstgeschwindigkeit
104 km/h
Höchsthöhe 4370 m NN Ballast
23 verbraucht 15 Sack à 15 kg
Landeort: Pieve San Giacomo bei
Cremona Italien Landeart: Parachute sehr glatt
Zwischenlandung: keine
Auszug aus dem Bordbuch:
Bemerkungen:
Eigentlich war ja nur eine
Passagier- und Ausbildungsfahrt geplant, wobei Mitte der Woche
auch nicht zu vermuten war, daß es überhaupt klappt. Aber,
nachdem Gerold Kräck unbedingt seine zweite Ausbildungsfahrt
machen wollte, tat ich ihm den Gefallen und organisierte einen
Ballon für das Wochenende. Ich sollte nicht enttäuscht werden!
Die Wetterberatung zwang mich
geradezu, eine Alpenüberquerung zu machen. Nordwind mit 60
Knoten und bestes Wetter in der Po-Ebene waren die Daten. Der
D-OCOL stand zur Verfügung und Gerold hatte mit seinem
Schwiegervater einen weiteren Passagier und auch die Verfolger
parat.
Wir trafen uns um 4:30 Uhr
Ortszeit in der Burgschmietstraße und waren kurz nach 6 Uhr am
Startplatz. Die letzten Wetterinformationen waren bestens, der
Ballon auch bald eingeräumt und so konnten wir kurz nach 7 Uhr
starten. Ich habe den Ballon nicht ganz füllen lassen, so
stiegen wir in einem Zug bis auf 2500 Meter, wo Gerold dann mit
dem Sandschütten beginnen durfte. Noch waren wir fast über
Augsburg und schienen uns nicht zu bewegen. Wird es wohl klappen?
Langsam nahm der Ballon Fahrt nach
Süden auf. München Info gab uns an die Kollegen von der
Anflugkontrolle weiter, die uns auf verschiedenen Frequenzen
sicher durch den schwäbischen Luftraum geleiteten. Wir hatten
nochmal Funkkontakt mit den Verfolgern und wunderten uns, daß
sie angeblich schon kurz vor Garmisch sind. Langsam wurde es
weiß unter uns und dann waren wir auch schon in den Alpen.
Innerhalb einer guten Stunde befuhren wir vier verschiedene
Länder und hatten mit vier verschiedenen Flugsicherungen zu tun.
Viel Zeit zum Schauen und Genießen war da zumindest für mich
nicht. Bei Pfronten verließen wir Deutschland, überfuhren die
Lechtaler Alpen, über Samnaun ein Stückchen Schweiz und dann
waren wir westlich von Bormio schon in Italien.
Da wir relativ niedrig waren,
wurde es hinter dem Alpenhauptkamm ein wenig ruppig, dies hielt
sich aber in sehr engen Grenzen. Mit 10 Sack war auch noch mehr
Ballast da, als ich gerechnet habe. Es ist schon toll, daß man
mit einem modernen 1050 m³ Ballon zu dritt solche Fahrten machen
kann. Unter uns war noch alles weiß, während die Täler braun
und dreckig aussahen. Der Schnee war weg, das erste Grün noch
nicht da.
Milano Information machte dann
noch etwas Streß, weil Sie uns in ihren Luftraum Alpha nicht
hineinlassen wollten. Es war so ganz praktisch, daß wir da auch
nicht hinfuhren, weil unsere Fahrtrichtung immer mehr nach links
drehte. Relativ bald war klar, daß unsere Fahrt im Raum Cremona
zu Ende gehen würde. Über den Appennin wäre es vielleicht noch
gegangen, ich wollte aber wegen der zu erwartenden Thermik
möglichst vor Mittag am Boden sein. Außerdem wußten wir nicht,
wo unsere Verfolger sind und darüber hinaus mußten diese am
Montag früh wieder in Nürnberg sein. Also stellte ich die
Koordinaten des Flugplatzes von Cremona am GPS ein und konnte
ganz cool mein Estimate for Cremona" nach Mailand
weitergeben.
Nördlich von Cremona ein paar
verhaltene Züge am Parachute, die gar nichts bewirkten. Dann zog
ich etwas länger und schon sanken wir mit 2 bis 3 m/s nach
unten. Ab 10000 Fuß hörte auch die Fahrt auf. In Bodennähe
wurde es dann wieder schneller, als wir in die wärmere
Bodenschicht eintauchten. Es kostete uns 2 Sack, um den Fall von
4 auf 2 m/s zu verlangsamen. In 2000 Fuß meldete ich mich bei
Mailand ab. Wir überquerten noch ein leerstehendes Gehöft,
danach waren weite freie Flächen. Das Schlepptau fing unseren
restlichen Fall ab und der Ballon landete fast wie von selbst auf
einem Feldweg hinter einem Graben und vor einem Feld.
Ein paar Schaulustige kamen, auch
ein Carabinieri war dabei. Der wollte aber nur wissen, ob wir
Hilfe brauchen. Eigentlich brauchten wir nur unsere Verfolger.
Die waren da aber noch weit in den Bergen. Telefonieren konnten
wir mit Gott und der Welt, nur mit unseren Verfolgern nicht.
Deren Handy funktionierte im Ausland nicht!
So hatten wir viel Muße, alles
zusammenzupacken, den restlichen Proviant zu verspeisen und die
erste Frühlingssonne in der Emilia zu genießen. Ein paarmal
klingelte das Handy, es waren aber nicht unsere sehnsüchtig
erwarteten Verfolger, sondern schon die ersten Gratulanten.
Zwischendurch wurde es auch richtig bockig, eine kleine lokale
Windhose wehte uns sogar die leeren Sandsäcke davon. Gut, daß
wir am Boden waren. Ich machte dann einen Spaziergang in den 1 km
entfernten Ort Pieve San Giacomo, nur um festzustellen, daß sich
dort Fuchs und Hase Guten Tag sagen. Nicht einmal ein Cafe,
geschweige denn eine Taverne.
Als ich wieder zum Ballon zurück
kam, brachte uns unser" Carabinieri selbstgemachten
weißen und roten Asti. Gut gekühlt, Flaschen ohne Etikett. Da
waren mir die Verfolger dann auch nicht mehr so wichtig. Um kurz
vor 17 Uhr waren sie dann da, über Angelika in Nürnberg hatten
sie unseren Landeort erfahren. Der Ballon wurde verladen und
schon ging die Rückfahrt los. Schade nur, daß wir partout keine
Nacht bleiben und so unsere Fahrt ausklingen lassen konnten. Eine
kurze Rast in Rovereto (an der Autobahn, nicht im Al
Borgo"), ansonsten ging es ohne Pause direkt nach Nürnberg,
wo wir um 3 Uhr nachts sicher ankamen.
Auch wenn es bereits meine siebte
Alpenüberquerung allein von Augsburg aus war: Es ist immer
wieder ein einmaliges Erlebnis. Danke an alle, die mitgeholfen
haben, besonders an unsere Verfolger Familie Folgert.